top of page

Teilzeit arbeiten ist kein Lifestylethema –> Es ist Selbstmanagement 5.0

  • lindadorfeld
  • 26. Jan.
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 27. Jan.


Uhr steht auf einem Hocker

Teilzeit arbeiten wird gern als „Trend“ abgetan: als Lifestyle‑Entscheidung junger Menschen, die sich „Work‑Life‑Balance“ aufs T‑Shirt drucken lassen.

Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Teilzeit ist kein Modethema, sondern eine Antwort auf klare menschliche Grenzen, gesellschaftliche Veränderungen und moderne Arbeitspsychologie. Es ist weniger ein Luxus und mehr ein intelligentes Selbstmanagement.




Wir brauchen mehr Leute! Die Geburtsstunde der Teilzeit.


In den Boom-Jahren des Wirtschaftswunders wurde der Platz an den Maschinen knapp. Die Lösung? Man aktivierte die ‚stille Reserve‘ und holte die Frauen aus der Küche in die Fabrik. Fabriken konnten so Spitzenzeiten abdecken, ohne jeden direkt Vollzeit auf die Gehaltsliste zu setzen. So entstand die Teilzeit – anfangs zwar meist für einfache Jobs, aber mit einem spannenden Lerneffekt: Überall dort, wo das Management das Modell nicht nur duldete, sondern voll dahinterstand, wurde aus dem Notbehelf ein echter wirtschaftlicher Erfolg.


Die Betriebe nutzten die „stille Reserve“ der Frauen, um Arbeitskräfte zu gewinnen, während der Gesetzgeber mit neuen Steuerklassen und später mit dem Teilzeit‑ und Befristungsgesetz (TzBfG) Rahmenbedingungen schuf. So wurde Teilzeit schrittweise institutionalisiert – und aus einer Ausnahme langsam eine strukturelle Beschäftigungsform.


Das gesetzliche Recht auf Teilzeitarbeit in Deutschland entstand am 1. Januar 2001 mit dem Inkrafttreten des Teilzeit- und Befristungsgesetzes (TzBfG). Es ermöglicht Arbeitnehmern, ihre Arbeitszeit zu verringern, sofern sie seit mindestens sechs Monaten im Betrieb tätig sind und der Arbeitgeber in der Regel mehr als 15 Mitarbeiter beschäftigt.


Wichtige Meilensteine des Teilzeitrechts:


  • 1. Januar 2001: Einführung des TzBfG, welches den allgemeinen Anspruch auf unbefristete Teilzeit regelt.


  • 1. Januar 2019: Einführung der sogenannten Brückenteilzeit (§ 9a TzBfG). Sie erlaubt eine befristete Reduzierung der Arbeitszeit (1 bis 5 Jahre) mit Rückkehrrecht zur ursprünglichen Arbeitszeit in Unternehmen mit mehr als 45 Beschäftigten.




Definition von Teilzeitarbeit


Die gesetzliche Definition von Teilzeit findet sich im § 2 Abs. 1 TzBfG:


„Teilzeitbeschäftigt ist ein Arbeitnehmer, dessen regelmäßige Wochenarbeitszeit kürzer ist als die eines vergleichbaren vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers.“

Also keine feste Stundenzahl und auf alle Fälle weniger als Vollzeit. Auch Minijobs gelten ausdrücklich als Teilzeit, 30 Stunden in der Arbeit sind also Teilzeit, 5 Stunden pro Woche auch - OK, wow. Demnach gilt jede Arbeitszeit, die auch nur eine Minute unter der betriebsüblichen Vollzeit liegt, rechtlich als Teilzeit.


Die Teilzeitquote in Deutschland hat im zweiten Quartal 2025 erstmals die 40-Prozent-Marke überschritten (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 2025). Das bedeutet: Fast jeder zweite Arbeitnehmer in Deutschland arbeitet in Teilzeit. Das ist kein Nischenthema mehr – das ist die neue Normalität. Schön, dass wir im öffentlichen Diskurs so eine breite Masse ansprechen.


Immerhin dürfen Teilzeitbeschäftigte wegen der Teilzeitarbeit nicht schlechter behandelt werden als vergleichbare Vollzeitbeschäftigte (es sei denn, es gibt sachliche Gründe). Auch der sachliche Grund ist nicht klar definiert. Das Bundesarbeitsgericht, meint dazu: Ein sachlicher Grund liegt vor, wenn die Ungleichbehandlung einem legitimen Ziel dient und dafür angemessen und erforderlich ist.


Dennoch leisten Teilzeitbeschäftigte oft verdeckte Überstunden & arbeiten in Stellen die eigentlich für mehr Stunden ausgelegt sind. Manche kommen nach der Elternzeit in ihren ehemals Vollzeitjob zurück, den sie jetzt in Teilzeit absolvieren sollen.




Gründe Teilzeit zu arbeiten


Teilzeit wird heute aus ganz unterschiedlichen Gründen gewählt und oft ist sie weniger „Lifestyle" als vielmehr eine Notwendigkeit oder kluge Anpassung an die Realität.



  1. Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Eltern mit kleinen Kindern können Karriere und Kinderbetreuung besser vereinbaren. Das klingt nach Luxus, ist aber oft schlicht notwendig, da Kinderbetreuungsplätze knapp, in größeren Städten die Wartelisten lang sind oder Betreuung unbezahlbar ist. Hier gibt es einige die unfreiwillig in Teilzeit arbeiten. Aktuell höre ich vermehrt von Eltern von Home Schooling. Die notwendige Betreuung, die hier gewährleistet werden müsste, wird vom Schulsystem außer Acht gelassen.


  2. Pflege und Betreuung: Menschen mit Pflichtaufgaben für Angehörige, Mutter mit Demenz, behindertes Kind, pflegebedürftiger Partner, sie nutzen Teilzeit als strukturelle Lösung. Das ist keine Lifestyle-Entscheidung, das ist Überleben. Auch hier sind die Plätze knapp oder im Hinblick auf wachsende Altersarmut unbezahlbar.


  3. Gesundheit: Ältere Menschen arbeiten bewusst in Teilzeit, um Belastungen zu reduzieren. Mit 3,6 Millionen Menschen zwischen 55 und 70 Jahren in Teilzeit ist das längst kein Nischenthema mehr (IAB, 2024) . Zudem gibt es Arbeitsstellen beispielsweise in der Pflege, die mental und körperlich dauerhaft in Vollzeit nur schwer aushaltbar sind.

    37 % der Deutschen fühlen sich ausgebrannt von der Arbeit (Gallup Engagement Index Deutschland, 2024). Deutschland hat den schnellsten Anstieg dieser Quote aller entwickelten Länder. Wir sind zwar noch nicht Australien mit 50 %, aber wir holen schnell auf. Das ist bemerkenswert, allerdings nicht im positiven Sinne.

    Es ist kein Lifestyle. Es ist Selbstschutz!


  4. Raum für Lernen und Nebenaufbau: Der Wunsch nach mehr Freiheit für Weiterbildung, Nebenprojekte oder den Aufbau einer Selbstständigkeit wächst, besonders bei Fachkräften. In einer Welt, in der Karrieren volatil sind, ist es intelligent, sich mehrere Standbeine aufzubauen. In einer unbeständigen Wirtschaftslage, gibt ein Nebenerwerb Halt und Sicherheit.


    Besonders spannend: Die neue Riege der ‚Multijobber‘. Rund 2 Millionen Deutsche jonglieren mehrere Jobs gleichzeitig. Man mag es sich kaum vorstellen. Viele nutzen die gewonnene Zeit nicht nur für die Couch, sondern für eigene Projekte.


    Die Zahlen: 2024 hatten rund 4,7 % aller Erwerbstätigen in Deutschland mindestens einen Zweitjob (Statistisches Bundesamt, o. D.) . Das klingt erst mal wenig, sind aber über 2 Millionen Menschen.


    Teilzeit-Vorteil: Mehrfachbeschäftigung kommt bei Teilzeitkräften deutlich häufiger vor als bei Vollzeitkräften.


    * 73 % sind im Zweitjob angestellt (oft ein klassischer Minijob). Hier hat man auch mehr Netto vom Brutto. Es lohnt sich für manch einen steuerlich mehr 4 Tage 32 Stunden arbeiten zu gehen und noch einen Minijob auszuüben, als 40 Stunden bei einem Arbeitgeber zu arbeiten.


    • 23 % nutzen die Teilzeit für eine nebenberufliche Selbstständigkeit (Solo-Selbstständige). Das ist „Gründer-Spirit, den wir in Deutschland brauchen. Wäre schade, wenn diesen motivierten Menschen gesetzlich der Hahn zugedreht wird.


Ach ja und zum Lifestyle-Klischee der jungen Leute: Aktuelle Studien zeigen, dass Menschen zwischen 20 und 24 Jahren heute häufiger erwerbstätig sind als früher, sowohl in Vollzeit als auch in Teilzeit (IAB, 2024).


Teilzeit ist oft kein Mangel an Arbeit, sondern ein Maß an Ambition, an Notwendigkeit, Gesundheit und ein fehlen an der aktuell unterstützenden Infrastruktur.



Das Überstunden-Phänomen: Wenn Teilzeit zur Vollzeit wird


Die Hans-Böckler-Stiftung und das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigen regelmäßig: Teilzeitkräfte leisten häufiger Überstunden, die im Verhältnis zu ihrer vereinbarten Arbeitszeit eine deutlich größere Belastung darstellen. Das bedeutet konkret: Während Vollzeitkräfte durchschnittlich 0,40 Stunden bezahlte Überstunden pro Tag leisten, machen Teilzeitkräfte mit 0,75 Stunden pro Tag,  fast doppelt so viele (IAB, 2025).


Noch problematischer ist die unbezahlte Mehrarbeit. Teilzeitkräfte erbringen oft „verdeckte" Überstunden, um das gleiche Arbeitspensum wie Vollzeitkollegen in ihrer verkürzten Arbeitszeit zu bewältigen. Sie werden nicht formell angefordert, passieren aber ständig: Eine E-Mail abends beantworten, das Projekt am Wochenende weitermachen, schnell noch vor Feierabend die offenen Punkte klären.

Die Gesamtquote ist erschreckend: Nach Daten der Hans-Böckler-Stiftung sind 53,6 Prozent aller geleisteten Überstunden unbezahlt. Das entspricht der Arbeitsleistung von über 750.000 virtuellen Vollzeitstellen an unbezahlter Arbeit pro Jahr. Mit anderen Worten: Deutschland bekommt jährlich etwa drei Milliarden Euro an Arbeitsleistung umsonst. Die Kosten sitzen dabei auf den Schultern der Teilzeitkräfte – besonders Frauen, die überproportional in Teilzeitarbeit vertreten sind.


Diese 3 Milliarden Euro Arbeitsleistung möchte die Bundesrepublik Deutschland wahrscheinlich gerne auf dem Papier sehen. Faktisch ist es eher so: Diese Summe fehlt den Arbeitnehmern im Portemonnaie, taucht aber als „unentgeltliche Produktivität“ im BIP indirekt auf.


Etwa 78 Prozent der Führungskräfte, die einen Unterschied wahrnehmen, schätzen Teilzeitkräfte als fokussierter und effizienter ein. Sie erledigen oft ein Vollzeit-Pensum in Teilzeitstunden, nicht weil sie Superhelden sind, sondern weil sie es müssen und die Überstunden einfach nicht gezählt werden.

Das ist das Effizienz-Paradoxon: Teilzeitkräfte arbeiten faktisch mehr als ihr Vertrag vorsieht, was nicht in den Statistiken auftaucht. Sie sind produktiver pro Stunde, weil sie fokussieren müssen! Sie zahlen dafür mit ihrer Freizeit und ihrer Gesundheit und als Dank wird aktuell die Teilzeitstelle belächelt.


Zum Schluss möchte ich noch ein Thema beleuchten, den Mythos, dass mehr Stunden auch mehr Produktivität bedeutet.



Höhere Arbeitszeit = mehr Output?


Mal ehrlich: Wer glaubt eigentlich noch an das Märchen der achtstündigen Hochleistung? Die Psychologie ist da gnadenlos ehrlich: Wir können es schlichtweg nicht. Forschungsergebnisse des Psychologen K. Anders Ericsson deuten darauf hin, dass konzentrierte Höchstleistung bei etwa vier bis fünf Stunden pro Tag liegt; darüber hinaus stagniert oder sinkt die Qualität (Ericsson, 2013). Es schlägt die ‚kognitive Erschöpfung‘ zu.


Wer versucht, das System mit acht Stunden Dauerfeuer zu überlisten, erntet oft nur das sogenannte Parkinsonsche Gesetz: Die Arbeit dehnt sich genau in dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht (Parkinson, 1958). Teilzeit ist also oft gar kein ‚weniger arbeiten‘, sondern ein ‚effizienter arbeiten‘. Wer seine Stunden reduziert, schneidet meist nur den ineffizienten Leerlauf weg und nutzt die Phasen höchster Konzentration. Ein echter Win-Win für die Psyche und die Produktivität.


Ist Teilzeit also das neue Vollgas?

Wer seine Zeit klug strukturiert, braucht nicht zwangsläufig acht Stunden am Schreibtisch, um mehr zu leisten als jemand, der den ganzen Tag „beschäftigt“ ist, aber wenig konzentriert arbeitet.



Vorteile von Teilzeitarbeit


Für Arbeitnehmer

  • Menschen mit reduzierten Arbeitszeiten sind zufriedener und gesünder. Sie haben weniger Schlafprobleme, fühlen sich weniger gestresst und haben mehr Zeit für Familie, Hobbys und persönliche Interessen. Das klingt simpel, hat aber konkrete biologische Auswirkungen: Weniger Stress reduziert die Gefahr für Erkrankungen wie Burnout und kardiovaskuläre Leiden erheblich und damit sinken auch die langfristigen Kosten für Krankenversicherungen sowie Rehabilitation.


Für Unternehmer

  • Mitarbeiter mit verkürzten Arbeitszeiten arbeiten motivierter, haben weniger Fehltage und verursachen weniger Krankheitsausfälle. Eine Analyse der aktuellen Forschung zeigt: Kürzere Arbeitswochen führen zu einer Produktivitätssteigerung um etwa 60 Prozent, weil Mitarbeitende sich auf kurze, intensive Zeiträume konzentrieren können und ihre Energie auf die wirklich wichtigen Aufgaben fokussieren.



Fazit: Vom Wirtschaftswunder zum Lifestyle-Klischee: Eine tragische Abwertung


Schon verrückt: Was im Wirtschaftswunder als pragmatische Notlösung startete, um die ‚stille Reserve‘ an die Werkbank zu locken, entpuppt sich heute als psychologischer Geniestreich.


Damals wollte man einfach nur mehr Hände und heute wissen wir, dass wir vor allem klügere Köpfe brauchen. Wenn uns die Psychologie zeigt, dass nach fünf Stunden Fokus im Oberstübchen ohnehin das Licht ausgeht, dann ist Teilzeit kein ‚weniger arbeiten‘, sondern schlichtweg artgerechtes Selbstmanagement.


Die Pioniere der 1950er Jahre haben das Modell aus wirtschaftlichem Kalkül etabliert. Wir heute dürfen es aus biologischer Überzeugung nutzen. Denn am Ende des Tages zählt nicht, wie viele Stunden wir abgesessen haben, sondern wie viel Leben und Fokus in diesen Stunden steckte. Wer Teilzeit heute gezielt einsetzt, ob für das eigene Side-Business, die Familie oder schlicht für die kognitive Frische, lebt Positives Selbstmanagement in seiner reinsten Form.


Ich frage mich: Wie konnte der Produktivitätsbooster, der ein offensichtlicher Teil des Wirtschaftswunders ist, zum Lifestyle-Klischee abgewertet werden. Gesellschaftlich, spöttisch, belächelnd mit einer gewissen Tragik.

Haben wir uns als Gesellschaft vielleicht zurückentwickelt, wenn wir Effizienz heute wieder in 40-Stunden-Absitz-Blöcken messen?

Schlussendlich geht es nicht darum, ob wir Teilzeit oder Vollzeit arbeiten. Es geht um Arbeitsmodelle, die Menschen den Raum geben, ihre Lebenszeit autonom zu gestalten, so wie es ihr Leben gerade erfordert.




QUELLEN:


Bundesministerium für Arbeit und Soziales. (2018). Gesetz zur Weiterentwicklung des Teilzeitrechts – Einführung einer Brückenteilzeit [Brückenteilzeitgesetz]. Bundesgesetzblatt, I, 2384.


Bundesrepublik Deutschland. (2000). Gesetz über Teilzeitarbeit und befristete Arbeitsverträge (Teilzeit- und Befristungsgesetz – TzBfG) vom 21. Dezember 2000 (BGBl. I S. 1966), zuletzt geändert durch Artikel 7 des Gesetzes vom 20. Juli 2022 (BGBl. I S. 1174).


Deutscher Bundestag. (2025). Drucksache 21/755 – Überstunden in Deutschland. Berlin.


Deutscher Gewerkschaftsbund. (2024). DGB-Index Gute Arbeit 2024. Überstunden und unbezahlte Mehrarbeit in Deutschland. Berlin.


Deutscher Gewerkschaftsbund. (2025). Überstunden: Weniger ist mehr. DGB-Index Kompakt 2025. Berlin.


Ericsson, K. A. (2013). Training history, deliberate practice, and elite sports performance: An analysis in response to Tucker and Collins review—what makes champions? British Journal of Sports Medicine, 47(9), 533–535.


Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. (2024). IAB-Arbeitszeitrechnung 2024. Nürnberg.


Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. (2025). IAB-Arbeitszeitrechnung Q1 2025. Nürnberg.


Statistisches Bundesamt. (o. D.). Erwerbstätige mit mehr als einer Tätigkeit. Abgerufen am 26. Januar 2026 von https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/zweitjobl.html


Parkinson, C. N. (1958). Parkinson's law or the pursuit of progress. London: John Murray.







bottom of page